Die Summe meiner einzelnen Teile

Diagnose: Kapitalismus

Ulrich Kriest, veröffentlicht am 02.02.2012
Filmbeschreibung
Ganz am Schluss von "Kuhle Wampe" von Slatan Dudow und Bertolt Brecht wird auf die Frage, wer die Welt ändern werde, geantwortet: "Denen sie nicht gefällt!" Dass der Filmemacher Hans Weingartner zu jenen zählt, denen die moderne Welt nicht gefällt, haben seine bisherigen Filme klargemacht. Diese Klarheit wurde aber durch Schlichtheit in der Argumentation erkauft, wenn Weingartner vom Idealismus und Ausverkauf der Utopien ("Die fetten Jahre sind vorbei") und von der Rolle der Medien als affirmative Ideologiefabriken ("Free Rainer") erzählte, bis die Filme unter der Last des Plakativen ächzten.

Mit seinem neuen Film "Die Summe meiner einzelnen Teile" geht der studierte Gehirnforscher zu seinen filmischen Anfängen ("Das weiße Rauschen") zurück und erzählt Kapitalismus als Krankheit. Der Mathematiker Martin wird nach einem psychischen Zusammenbruch und einem längeren Psychiatrieaufenthalt als geheilt und mit einem größeren Medikamentenvorrat in eine Welt entlassen, die ihn weder privat noch beruflich zurückhaben will. Mit erstaunlichem Tempo rauscht der komplett Unbetreute durchs soziale Netz, greift zur Flasche, verliert seine Wohnung und findet sich schließlich obdachlos vor den Toren der großen Stadt wieder.

In einer Parallelgeschichte erzählt Weingartner vom ukrainischen Jungen Viktor, dem die Alkoholikermutter wegstirbt und der sich ebenfalls auf der Straße wiederfindet. Zwischen Martin und Viktor entwickelt sich eine tiefe Freundschaft, die ohne Sprache auskommen muss. Wiewohl in einer kalten und prinzipiell unsolidarischen Gesellschaft von permanenter Gewalt bedroht, baut sich das ungleiche Duo eine Heimstatt im Wald, wo der Mensch noch Mensch und frei sein kann. Rousseau und Thoreau scheinen die Paten dieser seltsamen Utopie zu sein, die zeigt, welche Dialektik es birgt, wenn Menschen, die aus der Welt fallen, sich als Aussteiger neu definieren und dadurch Stärke erlangen.

Natürlich kann "das System" mit seinen Institutionen (Polizei, Psychiatrie) so viel Selbstermächtigung nicht dulden, weshalb dem Glück keine Dauer beschert ist. Aber zuvor kann Martin immerhin noch einem reichen Unternehmensberater die Leviten lesen und eine Zahnarzthelferin in die Freiheit locken. Dramaturgisch agiert der Film mit ungelenker Vorhersehbarkeit und plakativen Pointen, bis hin zur Szene, in der Waldmensch Martin in den Bäumen der Stadt hockt und den Entfremdeten beim sinnlosen Treiben zuschaut.

Filmästhetisch jedoch gelingt der Versuch, durch Farbgebung und Montage, Auflösung von Erzähllinearität und fragmentarische Schockmomente dem von Weingartner zutiefst verachteten "Wellness"-Kino der Arthaus-Szene ein politisches Kino entgegenzustellen, dessen Haltung der Dringlichkeit überzeugender ist als der Inhalt des Verhandelten.
 
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