Drive
Das Verbrechen steigt nicht mehr aus dem Auto
Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 26.01.2012
Filmbeschreibung
Ein Raubüberfall ist kein sonderlich kompliziertes Delikt. Vom Tatort heil wegzukommen, darin liegt die Kunst. Ryan Gosling spielt in "Drive" brillant einen Mann, der diese Kunst wie kein zweiter beherrscht. Im Brotberuf ist dieser namenlos bleibende Kerl Stuntdriver für Hollywood. Nebenbei verdingt er sich als Fluchtfahrer für Kriminelle aller Art.
Der 1970 in Kopenhagen geborene, nun in Hollywood arbeitende Regisseur Nicolas Winding Refn ("Bronson", "Valhalla Rising") zeigt uns einen coolen Mann in hitzigen Situationen. Wenn der Motor in die hohen Drehzahlen kommt, bleibt der nur Driver genannte Fahrer ruhig und umsichtig. Aber die meisten Verbrecher sind keine ruhigen und umsichtigen Typen. Der Driver bewegt sich in einem Milieu, in dem charakterliche Karambolagen, Überschläge und Kolbenfresser die Regel sind.
Der Driver weiß das alles. Er macht sich keine Illusionen, bis auf eine: er glaubt, er könne dieses Verbrechen immer nur kurzzeitig an Bord seines Fahrzeugs nehmen und es dann wieder rückstandslos ausladen. Wie sehr er um Distanzierung bemüht ist, und wohl nicht nur, weil er nicht in den Fahndungsakten der Polizei auftauchen will, zeigt eine Szene in einer Kneipe. Da erkennt einer der ganz unliebsamen Sorte von Klienten den Driver wieder und quatscht ihn an. Obwohl es zu den Geschäftsbedingungen des Fluchtfahrers gehört, dass die Kundschaft ihn nach Ende der Fahrt – sofort nach Ende der Fahrt, sobald sie ein Bein auf dem Asphalt hat – vergisst, ihn so behandelt, als seien sie einander nie begegnet. Sonst tritt der Driver besonnen auf, aber in der Kneipe, angesichts des Typen, der ihn hineinziehen will ins Netzwerk jener Verlierer, die zwischen ihren Knastaufenthalten dauernd am nächsten todsicheren Ding herumdilettieren, rastet er aus und wird gewalttätig.
"Drive" wagt den Rücksturz in eine Zeit lakonischer Männerfilme. Wir beurteilen die Figuren nicht nach dem, was sie reden, sondern nach dem, was sie tun. Schon der Titel lässt an einen anderen Film um einen Fluchtfahrer denken, an Walter Hills "The Driver" von 1978, in dem Ryan O’Neal den Garanten eines PS-Tickets in die Straffreiheit spielte. Aber Refn bezieht sich hier nicht nur aufs Kino.
In der Kriminalliteratur der letzten Jahre geht es zwar noch viel um Serienkiller, Sekten, Kulte, Schockeffekte, Pathologiedetails und neuerdings auch Übersinnliches. Aber es finden sich auch andere Bücher, zum Beispiel solche, in denen es um die Handlungs- und Ausbruchsmöglichkeiten in der regulierten Gesellschaft geht, um einen überschaubaren Wettstreit zwischen dem abweichlerischen Individuum und den Instanzen der Kontrolle.
Der Fluchtfahrer, der sich gegen Polizei, Verkehr und manchmal sogar Physik, am Ende aber immer auch gegen seine Auftraggeber durchsetzen muss, bietet wunderbare Möglichkeiten, von diesem Wettstreit zu erzählen. Vor allem, da ja jeder Autofahrer beim ganz normalen Fahren irgendwann die Versuchung zum Regelverstoß verspürt.
"Drive" basiert auf einem meisterlich knappen Kriminalroman von James Sallis (deutsch als Taschenbuch bei Heyne), und auch wenn das Drehbuch sich manche Freiheit nimmt, dem Geist der Vorlage bleibt es treu. Es geht um den Widerspruch zwischen dem Anspruch auf Freiheit – der Driver könnte jederzeit sein bisschen Habe zurücklassen und weiterfahren an neue Orte – und den Bindungen, die der Mann doch eingeht, zu Frauen, Freunden, Projekten.
So kommt der Driver getreu den Regeln des Film noir schließlich in eine Zwickmühle, in der er immer nur das Falsche tun kann. Das könnte für Refn, der in seinen bisherigen Filmen den Mut zeigte, die Zuschauer zu verwirren, die Chance bieten, den Film als Fiebertraum eines bereits Gescheiterten zu erzählen. Aber dieser Versuchung widersteht der Regisseur. Er legt hier seinen klarsten, geschmeidigsten, druckvollsten Film vor, in dem Schauwerte und Ökonomie des Erzählens einander nie ausschließen. Es gibt Leute, die beteuern, keine pessimistischen Krimis zu mögen, auch keine ohne Ermittlerhelden. Die könnten hier bekehrt werden. Ebenso wie Optimisten, die glauben, ein schnelles Auto und die Reflexe, es zu steuern, brächten einen notfalls flott in ein neues Leben.
Der 1970 in Kopenhagen geborene, nun in Hollywood arbeitende Regisseur Nicolas Winding Refn ("Bronson", "Valhalla Rising") zeigt uns einen coolen Mann in hitzigen Situationen. Wenn der Motor in die hohen Drehzahlen kommt, bleibt der nur Driver genannte Fahrer ruhig und umsichtig. Aber die meisten Verbrecher sind keine ruhigen und umsichtigen Typen. Der Driver bewegt sich in einem Milieu, in dem charakterliche Karambolagen, Überschläge und Kolbenfresser die Regel sind.
Der Driver weiß das alles. Er macht sich keine Illusionen, bis auf eine: er glaubt, er könne dieses Verbrechen immer nur kurzzeitig an Bord seines Fahrzeugs nehmen und es dann wieder rückstandslos ausladen. Wie sehr er um Distanzierung bemüht ist, und wohl nicht nur, weil er nicht in den Fahndungsakten der Polizei auftauchen will, zeigt eine Szene in einer Kneipe. Da erkennt einer der ganz unliebsamen Sorte von Klienten den Driver wieder und quatscht ihn an. Obwohl es zu den Geschäftsbedingungen des Fluchtfahrers gehört, dass die Kundschaft ihn nach Ende der Fahrt – sofort nach Ende der Fahrt, sobald sie ein Bein auf dem Asphalt hat – vergisst, ihn so behandelt, als seien sie einander nie begegnet. Sonst tritt der Driver besonnen auf, aber in der Kneipe, angesichts des Typen, der ihn hineinziehen will ins Netzwerk jener Verlierer, die zwischen ihren Knastaufenthalten dauernd am nächsten todsicheren Ding herumdilettieren, rastet er aus und wird gewalttätig.
"Drive" wagt den Rücksturz in eine Zeit lakonischer Männerfilme. Wir beurteilen die Figuren nicht nach dem, was sie reden, sondern nach dem, was sie tun. Schon der Titel lässt an einen anderen Film um einen Fluchtfahrer denken, an Walter Hills "The Driver" von 1978, in dem Ryan O’Neal den Garanten eines PS-Tickets in die Straffreiheit spielte. Aber Refn bezieht sich hier nicht nur aufs Kino.
In der Kriminalliteratur der letzten Jahre geht es zwar noch viel um Serienkiller, Sekten, Kulte, Schockeffekte, Pathologiedetails und neuerdings auch Übersinnliches. Aber es finden sich auch andere Bücher, zum Beispiel solche, in denen es um die Handlungs- und Ausbruchsmöglichkeiten in der regulierten Gesellschaft geht, um einen überschaubaren Wettstreit zwischen dem abweichlerischen Individuum und den Instanzen der Kontrolle.
Der Fluchtfahrer, der sich gegen Polizei, Verkehr und manchmal sogar Physik, am Ende aber immer auch gegen seine Auftraggeber durchsetzen muss, bietet wunderbare Möglichkeiten, von diesem Wettstreit zu erzählen. Vor allem, da ja jeder Autofahrer beim ganz normalen Fahren irgendwann die Versuchung zum Regelverstoß verspürt.
"Drive" basiert auf einem meisterlich knappen Kriminalroman von James Sallis (deutsch als Taschenbuch bei Heyne), und auch wenn das Drehbuch sich manche Freiheit nimmt, dem Geist der Vorlage bleibt es treu. Es geht um den Widerspruch zwischen dem Anspruch auf Freiheit – der Driver könnte jederzeit sein bisschen Habe zurücklassen und weiterfahren an neue Orte – und den Bindungen, die der Mann doch eingeht, zu Frauen, Freunden, Projekten.
So kommt der Driver getreu den Regeln des Film noir schließlich in eine Zwickmühle, in der er immer nur das Falsche tun kann. Das könnte für Refn, der in seinen bisherigen Filmen den Mut zeigte, die Zuschauer zu verwirren, die Chance bieten, den Film als Fiebertraum eines bereits Gescheiterten zu erzählen. Aber dieser Versuchung widersteht der Regisseur. Er legt hier seinen klarsten, geschmeidigsten, druckvollsten Film vor, in dem Schauwerte und Ökonomie des Erzählens einander nie ausschließen. Es gibt Leute, die beteuern, keine pessimistischen Krimis zu mögen, auch keine ohne Ermittlerhelden. Die könnten hier bekehrt werden. Ebenso wie Optimisten, die glauben, ein schnelles Auto und die Reflexe, es zu steuern, brächten einen notfalls flott in ein neues Leben.
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