Der kleine Nick

Die heile alte Welt, die keiner je erlebt hat

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 26.08.2010
Filmbeschreibung
Die Zukunft wird grausig. Die Gegenwart taugt nichts. Die Vergangenheit, Hand aufs Herz, war auch schon ein Jammertal. In grimmigen Momenten, etwa während des Verfassens der Steuererklärung, zieht auch der behütete, gutbürgerliche Mensch schon einmal diese grimmige Bilanz. Und was hilft ihm dann aus der Krise? Falls er ein halbwegs netter Kerl ist, die pure Fantasie, die Courage zur großangelegten Selbstbeschwindelung, die Erfindung einer idealen Vergangenheit, einer übersichtlichen, aber nicht langweiligen, von Boshaftigkeit gewürzten, aber nicht bösartigen, einer von lauter kleinen Problemen gemaserten, aber insgesamt vor Glück strotzenden Epoche.

Solch eine Wunderwelt zur lesenden Kurzflucht hat uns der Franzose René Goscinny (1926-1977) geschenkt. Goscinny hat Ende der fünfziger Jahre den kleinen Nick erfunden, einen Lausbub in der Geborgenheit. Die illustrierten Geschichten um den pfiffigen Dreikäsehoch werden nicht nur in Frankreich noch immer von Millionen geliebt.

Womit wir beim Problem fürs Kino wären. Solch einen Stoff wagt kaum ein Produzent, Autor, Regisseur anzufassen, weil das Endergebnis unweigerlich von dem abweichen muss, was sich in vielen Köpfen und Herzen eingenistet hat. Die Fans der Figur, des Designs, des Tons könnten das eventuell mit der schmerzhaft treffenden Waffe der Anschauverweigerung verteidigen.

Der Regisseur Laurent Tirard aber hat es nun doch noch gewagt, Nick, dessen Eltern und Lehrer, die Kumpels und Feinde, die Würdenträger und Streichempfänger einer im Kern konservativen und restriktiven, aber von Kindern immer wieder auf Freiräume abgeklopften Welt auf die Leinwand zu bringen. In Frankreich war "Der kleine Nick" dann einer der großen Kinohits der letzten Jahre - verdientermaßen, wie wir gleich mal verraten.

Man sitzt nämlich baff da, wie frech dieser Realfilm seine Figuren und Kulissen stylt, bis an die Grenzen zum Animationsfilm. Nick (Maxime Godart) wirkt tatsächlich so spitznasig, sensibel, verschelmt, wie wir ihn von den Zeichnungen kennen, und auch der Rest der Figuren erfährt eine solch liebevolle Behandlung, dass man glaubt, man könne einzelne Filmfotos einfach nehmen und in die Nick-Bücher kleben, ohne dass sie dort weiter stören würden. Valérie Lemercier etwa und Kad Merad (der in die Provinz verschlagene Postbeamte aus "Willkommen bei den Sch"tis") geben ein ganz heimeliges Elternpaar ab, ein Paar so solide präsenter und doch pappkameradig schlichter Wesen, wie sie nur ein Kinderauge aus der Wirklichkeit herausschälen kann.

Es passiert jede Menge und kaum etwas. Etliche Nick-Geschichten wurden verschmolzen. Der Herr Minister besucht die Schule, was nicht ganz ohne Probleme über die Bühne geht, und Nick muss damit klarkommen, dass ein Geschwisterchen ins Haus steht, will heißen, er muss versuchen, dieses Geschwisterchen loszuwerden, fürchtet er doch, seine Eltern könnten ihn nun abschieben.

Je länger man diesen Film aber schaut, der so treulich den nostalgischen Geist der Nick-Geschichten bewahrt, desto unabweisbarer wird die Erkenntnis, dass Tirard genial schummelt. Er erzählt nämlich gar nicht so konsequent von den Lausbuben, sondern er legt viel Gewicht auf die Erwachsenen. Dieser Film scheint nicht vom kleinen Nick zu handeln, sondern von jenen, die einmal der kleine Nick waren und nun etwas anderes geworden sind. Aber es passt zur versöhnlichen Grundstimmung, dass daraus kein Hader entsteht.

Wie "Der kleine Nick" Innenräume entwirft und die Gassen des Städtchens, wie er die alte Autos ins Bild rollen lässt und sich an der Kleidermode einer anderen Zeit erfreut, ja, man muss es zugeben, wie er auch die klareren Geschlechterrollen zu genießen scheint, das entlarvt ihn nach und nach als etwas anderes als ein Werk nach einem Stapel alter Bücher. Viel eher ist dies ein hinterlistiger Film über andere Filme, eine deftige Konzentration der Heile-Welt-Signale des Unterhaltungskinos von einst. Indem er dessen Verheißungen und Gewissheiten noch einmal lockend vorführt, weckt Tirard auch einen kitzligen Selbstzweifel in uns, ob wir diesen kleinbürgerlichen Paradiesideen wirklich nur ironisch abgeklärt gegenüberstehen.
 
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